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Interview mit Markus Metka

si!kommunikation: Unter dem Titel „Der gesunde Mensch in einer gesunden Umwelt“ widmet sich das Medicinicum Lech 2019 unter vielerlei Gesichtspunkten der Ökologie als Gesundheitsfaktor. Warum wurde dieser Schwerpunkt gewählt? 

Markus M. Metka: Für uns Ärzte steht der Mensch als Patient im Mittelpunkt. Nun könnte man sagen, dass auch unser Planet zum Patienten geworden ist und dass ihn zu kurieren wohl die größte Herausforderung ist. Wenn wir die Umwelt gefährden, riskieren wir stets auch unsere Gesundheit, denn sie ist in etlichen Zusammenhängen von fundamentaler Bedeutung für unser Wohlbefinden. Die Ökologie ist eine Schlüsselfrage für unsere Gesundheit und für die Zukunft der Menschheit. Dass wir mit unserem Thema am Puls der Zeit sind, zeigt unter anderem das Aufbegehren der Jugend bezüglich Klimawandel, Stichwort Fridays for Future.

si!kommunikation: Werden Ihres Erachtens die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesundheit im medizinischen bzw. ärztlichen Alltag bereits ausreichend berücksichtigt? 

Markus M. Metka: Die Umweltmedizin fristet eher ein stiefmütterliches Dasein und hat noch nicht den Stellenwert, den sie haben sollte. Ich verweise in solchen Zusammenhängen gerne auf den Hippokratischen Eid, der uns Ärzte darauf verpflichtet, die uns Anvertrauten vor Schaden zu bewahren. Dazu gehören zweifellos auch die Bedrohungen einer aus dem Gleichgewicht geratenen Ökologie, die zunehmend krankmachend ist. Die entsprechenden Zusammenhänge sollten viel stärker in den Fokus gerückt werden – auch von Ärzten und Medizinern. Da haben wir noch großen Aufholbedarf.


Luftverschmutzung, Dieselskandal und Lungenerkrankungen

si!kommunikation: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind rund 20 Prozent der Krankheits- und Todesfälle in Europa auf Umwelteinflüsse zurückzuführen. Welche Faktoren und damit zusammenhängende Krankheiten fallen dabei unter anderem ins Gewicht?

Markus M. Metka: Die Umwelteinflüsse und damit zusammenhängenden Gefährdungen bzw. Erkrankungen sind mannigfaltig. Das beginnt bei der Luftverschmutzung, siehe Dieselskandal, und Lungenerkrankungen wie COPD. Des Weiteren reicht es über endokrine Disruptoren – sprich Umweltsubstanzen mit Hormonwirkung, wozu auch Mikroplastik zählt – über die Problematik der Pestizide, Stichwort Glyphosat, bis hin zur Massentierhaltung als Brutstätte für antibiotikaresistente Keime. Auch die Ernährung kann als Umweltfaktor gelten, und zwar als wesentlicher für die Gesundheit. Nahezu die Hälfte aller Karzinome können auf falsche Ernährung zurückgeführt werden, unter anderem als Folge von Übergewicht und Diabetes. Wenn man die Ernährung zu den Umweltfaktoren zählt, sind sicher bedeutend mehr als 20 Prozent der Krankheits- und Todesfälle in Europa umweltbedingt.


Lebensmittelhandel als Advokat des Kunden

si!kommunikation: Ernährungs- und Anti-Aging-Medizin sind alljährliche Schwerpunkte des Medicinicum Lech. Gesunde Ernährung ist nicht nur eine Frage persönlicher Präferenzen, sondern auch der Lebensmitteltechnik und -qualität. Inwieweit sehen Sie die Landwirtschaft und den Lebensmittelhandel hinsichtlich Gesundheitsförderung in der Verantwortung?

Markus M. Metka: Eine Studie aus Frankreich hat erste vielversprechende Ergebnisse dazu geliefert, dass der Verzehr von biologisch erzeugten Lebensmitteln das Krebsrisiko senken könnte, und zwar um 25 Prozent. Nachhaltige Agrarpolitik dient der Gesundheitsvorsorge. Statt dem industriellen Agrarsektor mit seinen ökologisch bedenklichen Monokulturen sollte verstärkt die kleinstrukturierte Landwirtschaft gefördert werden. Die kleinen Bauern sind die größten Umweltschützer und Garanten für gesunde Ernährung. Die großen multinationalen Lebensmittelkonzerne sind hingegen hauptverantwortlich für die zunehmende Abhängigkeit der Menschen von Zucker, Salz und schlechten Fetten. Die Folge ist vor allem Übergewicht, das zum Diabetes führt, den ich Altern in Zeitraffer nenne. Mit unserer Veranstaltung, dem Medicinicum Lech, wollen wir unter anderem den heimischen Handel darin bestärken, in zunehmendem Maße gesündere Lebensmittel anzubieten. Er kann ja im positiven Sinne die Interessen der Konsumenten vertreten und tut dies zum Teil bereits in vorbildlicher Weise.


Erpressung durch die USA?

si!kommunikation: Der Ökonomie im Spannungsfeld mit der Ökologie wird beim heurigen Symposium großes Augenmerk geschenkt. Warum dieser besondere Fokus?

Markus M. Metka: Dass es große Interessenskonflikte zwischen Ökonomie und Ökologie gibt, zeigt sich unter anderem bei den Handelsabkommen und mehreren aktuellen Beispielen, wie beim Dieselskandal. So droht etwa US-Präsident Trump damit, europäische Autos mit Zöllen zu belegen, und will damit offenbar bewirken, dass der europäische Markt für US-Agrarprodukte geöffnet wird, was Hormonfleisch, chlorbehandelte Hühner und gentechnisch veränderte Nahrungsmittel inkludieren könnte. Das gleicht einer Erpressung. Gibt die EU nach, würden wir ökologisch, heißt eben auch gesundheitlich einen hohen Preis bezahlen. Vor allem aufgrund der Ernährung nimmt die Lebenserwartung in den USA mittlerweile ab. Ein enormes Problem ist auch der starke Lobbyismus der Konzerne, wie sich beispielsweise an der Zulassung von Glyphosat zeigt. Einer der Referenten beim heurigen Medicinicum Lech ist der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden von Global 2000, Mitinitiator der Initiative „Stopp Glyphosat“. Immerhin haben er und seine Mitstreiter bei der EU-Kommission die zwingende Offenlegung sämtlicher, also auch negativer Studien erreicht, die beim Zulassungsverfahren berücksichtigt werden. Solch ein Engagement ist vorbildlich und zeigt, dass sich was bewegen lässt.


Greta Thunberg als Symbolfigur

si!kommunikation: Wie das Beispiel Burtscher-Schaden zeigt, kommen beim Symposium nicht nur Ärzte und Mediziner zu Wort. Inwieweit bietet sich eine fachübergreifende Beleuchtung beim heurigen Thema des Public-Health-Forums an? 

Markus M. Metka: Interdisziplinarität war uns beim Medicinicum Lech von Anfang an ein großes Anliegen. Dass wir damit auf dem richtigen Wege sind, bestätigt das diesjährige Thema in besonderem Maße, denn bei diesem ist Interdisziplinarität von größter Bedeutung. So referieren zum Beispiel auch der Kommunikations- und Kulturwissenschaftler Hartmut Schröder sowie Armin Fiedler, der unter anderem für die WHO und bei der Weltbank als Chefberater für Gesundheitspolitik und -strategie tätig war. Des Weiteren der bekannte Biobauer Erich Stekovics oder auch Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace in Zentral- und Osteuropa. Er spricht statt vom Klimawandel, da zu harmlos klingend, lieber von der Klimakrise und wird deren weitreichenden Einfluss auf unsere Gesundheit thematisieren.

si!kommunikation: Sehen Sie bezüglich Klimawandel einen verstärkten gesellschaftlichen Bewusstseinswandel – und wie dringend ist ein solcher notwendig?

Markus M. Metka: Ich bin darüber begeistert, was die junge Greta Thunberg ausgelöst hat, sprich wie die Millennials sich gerade für einen nachhaltigen ökologischen Wandel einsetzen. Wir hoffen, beim Medicinicum viele junge Menschen begrüßen zu dürfen. Im Rahmen der Kooperation mit dem internationalen Studienprogramm Erasmus School of Health Policy and Management wollen wir die Studenten wieder stark in die Diskussion einbinden. Es geht um unser aller Zukunft. Der Historiker Yuval Harari nennt in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ drei große Bedrohungen für die Menschheit: einen Atomkrieg, die Negativfolgen der Digitalisierung bzw. künstlichen Intelligenz sowie – damit kommen wir zu unserem Thema – ein ökologisches Desaster. Hier sei auf die verminderte Artenvielfalt, den Verlust der Biodiversität und das Bienensterben verwiesen. Der Rückgang der Anzahl an Insekten und damit auch der Vögel kann katastrophale Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben. Am Ende der Nahrungskette steht der Mensch. Was nützen uns all die medizinischen Fortschritte und Errungenschaften, wenn der Patient Erde ins Koma fällt und zunehmend Zivilisationskrankheiten grassieren? Daher ist die Agrarwende, ein grundlegendes Umdenken unweigerlich vonnöten. Sonst führt eine entfesselte Ökonomie ins ökologische Desaster!


Allianz gegen zu viel Zucker

si!kommunikation: Inwieweit können und sollten insbesondere auch Ärzte und Mediziner die öffentliche Diskussion und somit das Problembewusstsein befördern?

Markus M. Metka: So wie die Ärzteschaft, auch durch die Ärztekammer, bei der Anti-Rauch-Kampagne mit federführend war und viel bewirkt hat, kann das zum Beispiel auch beim Thema Ernährung gelingen. Demnächst wird von einigen medizinischen Gesellschaften eine Initiative unter dem Titel „Allianz gegen zu viel Zucker“ gestartet. Ein Übermaß an Zucker in der Ernährung ist ebenso schädlich wie das Rauchen einzustufen. Der Präsident des Arbeitskreises für Vorsorge und Sozialmedizin Hans Concin wird beim heurigen Symposium einen Vortrag darüber halten, inwieweit Umwelteinflüsse für die Zunahme an Allergien verantwortlich sind. Der Mediziner und Chronobiologe Jan-Dirk Fauteck wird wiederum die zunehmende Lichtverschmutzung behandeln, um ein weiteres Beispiel zu nennen. In diesem Zusammenhang sei auf das facettenreiche Rahmenprogramm des Medicinicum verwiesen, wozu dieses Mal auch Führungen zum Skyspace Lech gehören. Der imposante Lichtraum des weltbekannten Künstlers James Turrell, harmonisch eingebettet in die hochalpine Landschaft, kann auch als Hommage an die intakte Natur verstanden werden.

si!kommunikation: Beim Medicinicum Lech 2019 sollen vor allem auch positive Ansätze vorgestellt werden, wie Ökonomie im Einklang mit der Ökologie die besten Voraussetzungen für ein gesundes Leben schaffen kann. Können Sie dafür Beispiele nennen?

Markus M. Metka: Es werden grundsätzlich auch Lösungsvorschläge und optimistisch stimmende Zukunftsperspektiven entworfen. In Vorarlberg und speziell in Lech sind wir ja am richtigen Ort. Die Tourismusgemeinde hat sich nicht nur ihren dörflichen Charakter bewahrt, sondern gilt auch ökologisch gesehen als Vorzeigemodell – etwa hinsichtlich des Biomasseheizwerks oder des im Winter autofreien Oberlech. Hier findet sich intakte Natur wie auch die bereits angesprochene kleinstrukturierte Landwirtschaft. Und die bekanntlich erstklassige Gastronomie setzt insbesondere auf regionale Produkte. Unweit gelegen ist der Biosphärenpark Großes Walsertal. Der Bodensee war einst derart verschmutzt, dass ich als Jugendlicher nicht darin baden wollte, heute besitzt er nahezu Trinkwasserqualität – wie fast alle österreichischen Seen. Im internationalen Vergleich sind wir in Österreich und im Großteil Europas ökologisch auf gutem Wege. Diese Entwicklung müssen wir weiter verfolgen und die ökologischen Prinzipien konsequent bewahren, heißt auch verteidigen. 

si!kommunikation: Hippokrates, der Begründer des westlichen Medizin als Wissenschaft, meinte: „Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, sondern entwickeln sich aus täglichen Sünden wider die Natur. Wenn sich diese gehäuft haben, brechen sie unversehens hervor.“ Damit angesprochen ist der persönliche Lebensstil, der als bedeutender Faktor für Prävention und Gesundheitsförderung stets auch ein zentraler Aspekt des Medicinicum Lech ist. Inwieweit befördert ökologisches Bewusstsein eine gesunde Lebensführung? 

Markus M. Metka: Beim Symposium wird Gerhard Kögler, Gründer des Zentrums für Präventivmedizin und Anti-Aging in Wien, einen Vortrag über Naturphilosophie halten. Er meint, man müsse wieder mit der Natur statt wider die Natur leben. So banal das klingen mag, trifft es einen zentralen Punkt. Eine intakte Natur hat nicht zuletzt auch in psychischem bzw. psychosomatischem Sinne positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Bezüglich der täglichen Sünden denke ich an die sogenannten Silent Inflammations – die versteckten chronischen Entzündungen, die dann vermeintlich wie aus heiterem Himmel zum Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Es gilt, sich selbst gegenüber und hinsichtlich der selbst gestalteten Umwelt achtsam zu sein – auch dies ist unter ökologischem Bewusstsein zu verstehen. Und was die gesellschaftspolitische Dimension anbelangt, war zum Beispiel die Verleihung des „Wirtschaftsnobelpreises“ 2018 an William D. Nordhaus und Paul M. Romer ein positives Zeichen. Schon in den 70er Jahren begann der US-Ökonom Nordhaus mit Forschungen über die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels auf das Wachstum. Wie sein Kollege Romer sieht er die Möglichkeit, das ökologische Desaster abzuwenden. Die beiden Forscher meinen, dass es zwar eines enormen Kraftakts bedarf, aber durchaus machbar ist, die Ökonomie mit der Ökologie zu vereinen. Solche Anstrengungen zu fördern und den Optimismus zu stärken ist ein erklärtes Ziel des Medicinicum Lech 2019.

 

Zur Person Markus Metka